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Ausstellung „Tatort Schriftstellerhaus“: Texte putzen

Ausstellung "Tatort Schriftstellerhaus" © Michael SeehoffAcht Lyrikerinnen und Lyriker treffen sich seit gut 40 Jahren, um Texte „zu putzen“. Darunter verstehen sie, ihre Gedichte so häufig zu überarbeiten, bis sie mit Struktur, Stil, Wortwahl und Klang zufrieden sind. Vom ersten Einfall, Gedanken bis zum fertigen Gedicht durchläuft der Text so viele Durchgänge.

1984 leitete der Johannes Poethen (1928 – 2001), Gründer des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus, das erste Lyrikseminar der Bertelsmannstiftung in dieser neuen Begegnungsstätte für Autorinnen und Autoren. Das Konzept: Alle lesen reihum neue Gedichte vor und kritisieren sie – in der Sache hart, in der Form wertschätzend und freundlich. Die Gruppe traf sich weiter zum „Gedicht-Putzen“ nach Poethens Verfahren: Wer gelesen hat, hält den Mund, bis alle anderen etwas dazu gesagt haben.

7 der 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben immer noch. In der Pandemie war kein Treffen möglich, und so kam Wolfgang Brenneisen auf die Idee einer Porträt-Serie. Je ein Text aus der „Gründerzeit“ und aus den letzten Jahren lassen die von Brenneisen entworfenen Bilder noch aktiver Lyriker:innen sprechen.

Noch heute sprechen die Mitglieder der Gruppe von Poethen mit großer Bewunderung, wiewohl sie heute selbst auf eine große Anzahl von Veröffentlichungen zurückblicken können.

Widmar Puhl ehrt Johannes Poethen
Widmar Puhl © Michael Seehoff

In Erinnerung an diese ersten Jahre kamen am 7. Oktober 2023 fünf von ihnen im Schriftstellerhaus zusammen, um die Ausstellung „Tatort Schriftstellerhaus“ zu eröffnen und Texte sowohl aus ihren Anfängen als auch aktuelle Texte zu lesen. Die Ausstellung zeigt Zeichnungen der damaligen Teilnehmer:innen nebst jeweils einem Gedicht aus der damaligen Zeit plus einem Text von heute.

Den Auftakt macht Widmar Puhl, der eingangs ein Gedicht von Johannes Poethen vorträgt, bevor er zu seinem eigenen Text kommt, der damals unter Poethens kritischen Augen und Ohren entstanden ist. Widmar Puhl liest an diesem Abend auch neue Gedichte aus seinem aktuellen Band Suleikas rebellische Kinder, der beim Pop-Verlag in Ludwigsburg erschienen ist.

Rommel & Bartsch
Irma Rommel und Manfred Bartsch © Michael Seehoff

Manfred Bartsch hat nach seiner Zusammenarbeit mit Johannes Poethen mit anderen Gleichgesinnten die Lyrikgruppe Wortrose gegründet und schreibt mit diesen Freunden immer noch Lyrik. Einige schön gestaltete Bändchen sind dabei heraus gekommen. Seine neuen Texte haben einen anderen Ton als die anfangs in der Textputzer-Kolonne entstandenen.
Widmar Puhl und Manfred Bartsch haben sich auch um das Zustandekommen der kleinen feinen Ausstellung verdient gemacht. Die Porträts nebst Gedichten schmücken die Wände im Erdgeschoss des Schriftstellerhauses und sind werktags, Montag bis Donnerstag zu den Bürozeiten, 10-18 Uhr, anzuschauen. Einfach klingeln unter Büro Schriftstellerhaus.

Irma Rommel ist zusammen mit Manfred Bartsch in der Wortrose aktiv und trägt ihre Gedichte souverän vor. Sie kann auf eine Reihe Eigenveröffentlichungen in kleinen Verlagen zurückblicken.

Eva Christina Zeller
Eva Christina Zeller

Die wohl produktivste Autorin ist Eva Christina Zeller. Gerade hat sie ihren ersten, hochgelobten Roman „Unterm Teppich“ veröffentlicht. Auf ein Dutzend veröffentlichter Werke kann die Autorin aus Tübingen zurückblicken. Trotz ihres umfangreichen Werkes kann sie vom Schreiben nicht leben. Immer noch hat sie Brotberufe, unter anderem als Lehrerin für Ethik und Philosophie und als Schreibwerkstättenleiterin. Johannes Poethen hatte ihr nach eigenem Bekunden vor vielen Jahren die Tür zum Rundfunk geöffnet. Sie hatte damals begonnen, für den Funk Literaturbesprechungen zu schreiben und damit ihre redaktionelle Arbeit beim Rundfunk aufgenommen.

Carmen Kotarski
Carmen Kotarski © Michael Seehoff

Sowohl Eva Christina Zeller als auch Carmen Kotarski wurden mit dem Thaddäus-Troll-Preis für ihre Lyrik ausgezeichnet. Ihre sorgfältig komponierten Gedichte haben in den Jahren nichts an Faszination verloren und ziehen den Zuhörer noch immer in den Bann.

Die fünf Lyriker:innen haben an diesem Abend die Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus aufleben lassen.
Die heutigen unterschiedlichen Schreibwerkstätten und Autor:innengruppen des Schriftstellerhauses führen diese intensive Textarbeit weiter fort.

Was für eine wunderbare Tradition, die dem Impuls aus den Gründerjahren folgt, denn 40 Jahre Stuttgarter Schriftstellerhaus, das bedeutet auch und vor allem 40 Jahre SCHREIBEN.                            Michael Seehoff / AB                        

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